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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

 Missfallen an Gefallenen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Am Sonntag war Volkstrauertag zum Gedenken an alle, die durch Krieg, Kriegsfolgen und Gewaltherrschaft ums Leben kamen.

Man muss ein Unmensch sein, wenn man einen solchen Massenmord befiehlt und das millionenfache Sterben billigt oder verherrlicht. Gewalt, Krieg und Gefallene missfallen uns.

[1]Fallen sagen wir, wenn ein Soldat im Kampf tödlich getroffen wird.[2] Oder wenn ein Stützpunkt erobert wird und "dem Feind in die Hände fällt". Burgen und alte Gemäuer sind oft verfallen, erobert und zerstört, aufgegeben und als Steinbruch benutzt oder auch nur vom Zahn der Zeit zerfressen, mit eingestürztem Dach und bröckelnden Mauern. Fallen bedeutet 'unsanft niedergehen', entweder von der Senkrechten in die Waagrechte kippen oder den Halt verlieren und nach unten stürzen, wie der "Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt". Mancher, der sich auf einen Beruf vorbereitet, "fällt aus allen Wolken" oder "kippt aus den Latschen", wenn er hört, dass "noch kein Meister vom Himmel gefallen ist", denn auch ein Naturtalent muss büffeln und üben. Diese Mühe bleibt keinem erspart.

Fallen und seine Ableitungen haben viele Nebenbedeutungen:

Eine der ältesten ergibt sich aus der Fallgrube, die man baute, um Tiere und Feinde zu fangen. Schon die kleinasiatischen Hethiter vor 3500 Jahren kannten die Wörter appâla 'Falle, Hinterhalt' und appaliyalla 'Fallensteller, Betrüger, Feind'. Aus der Bibel stammt das Sprichwort "Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein".[3] Die harmlose Form dieser heimtückischen Vorrichtung ist die "Falle", in die wir abends todmüde sinken.
Wie alt das Bild von der Fallgrube ist, sehen wir auch an griechisch sphállein, lateinisch fállere 'zu Fall bringen, täuschen', falsus 'vorgetäuscht', also falsch. Für 'fallen' hatte man andere Wörter.[4]

Gefallen und sein Gegenteil Missfallen hat gar nichts mehr mit 'stürzen' zu tun. Das Bindeglied ist der Würfel, dessen Zufall entscheidet, wer gewinnt und verliert.[5] Dem Sieger wird dann ein Preis zuteil, man kann auch sagen: er "fällt ihm zu" und "gefällt ihm wohl", oder auch nicht. Gefallen drückt das Ergebnis von dem aus, was der Würfel entschieden hat. Wir unterscheiden "das Gefallen", wenn man etwas gut oder schön findet, und "der Gefallen", mit dem man jemand eine Freude macht. Der Deutlichkeit halber sagen wir auch Gefälligkeit.

Zuteilwerden oder zufallen kann uns auch eine Verpflichtung oder ein Recht. Das Finanzamt erwartet von uns, dass wir zu einem bestimmten Termin unsre Steuern zahlen, die dann fällig sind. Den Anspruch auf die Zahlung und die Einnahmen selbst nannte man früher Gefälle[6] - heute ist das nur der Höhenunterschied bei Straßen oder Statistiken.

 

[4] griechisch píptein, lateinisch cádere.

[6] Adam Olearius (17. Jahrhundert): "wollte ich dir es von meinen Zöllen und Gefällen, wenn sie einkommen, wieder geben." Grimm, Deutsches Wörterbuch (4,2099)

 

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Echo Online
Sprachecke 23.11.2004 | 08.04.2008 | 04.02.2014

 

Datum: 18.11.2014

Aktuell: 09.10.2021