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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Darf ich mal fragen?

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Darf ich mal fragen?", "Ich würde sagen...", "Ich würde fast meinen..." - was sollen diese überflüssigen Worte?

Es ist doch logisch: Wer fragt, ob er fragen darf, fragt ja schon. Wer sagen oder fast meinen würde, ist ja schon dabei zu reden. Unnötiges Geschwätz?

Es kommt auf die Umstände an:

Wenn mich jemand auf der Straße mit den Worten überfällt: "Wie spät ist es?", werde ich ihm die Unhöflichkeit verzeihen, er hat's wahrscheinlich eilig, und Auskunft geben. Normalerweise leiten wir eine Frage ein: "Entschuldigung, können Sie mir sagen...?" oder "... ich hab mal eine Frage" statt einfach loszulegen. Ich habe mehrfach erlebt, dass mich jemand nach meinem Alter fragte. Auf der Straße würde ich die Auskunft verweigern oder darauf hinweisen: "Das geht Sie nichts an." Das war aber bei einem längeren Gespräch im Wohnzimmer, da sagte die Gastgeberin: "Darf ich mal fragen, wie alt Sie sind?" Sie bat in verkürzter Form um Erlaubnis, dagegen ist nichts zu sagen. Ich hätte ihr das Fragen nicht verbieten können, aber auch nicht antworten müssen.

Sie hätte sich auch erkundigen können: "Entschuldigen Sie meine Neugier: Wie alt sind Sie eigentlich?" Dieses "eigentlich" ist nicht überflüssig, sondern hat seinen Sinn: Es ist der Bremsfallschirm, damit die Worte nicht mit voller Wucht einschlagen. Ein spitzfindiges "uneigentlich" mit einer falschen Zahl hätte das gerade aufgekommene Vertrauen gleich wieder zerstört.

"Würde, hätte, könnte ..." drückt aus, dass es sich um angenommene Fälle und mögliche Folgerungen handelt, Gedankenspiele: "Wenn das Wörtchen wenn nicht  wär...". Es gibt aber das "Wenn". Dass dann "das Leben halb so schwer" und "mein Vater Millionär" sein könnte, sind müßige Spekulationen.

Bei "ich würde sagen" oder "... fast meinen" geht es nicht um Phantasie und Erwägung, sondern um Unsicherheit. Wenn ein Schüler auf die Frage nach der deutschen Hauptstadt antwortet "Ich würde sagen: Berlin", dann ist der Name der Stadt zwar richtig, aber daran ist nichts zu deuteln und zu meinen. "Ich würde sagen" ist geraten und nicht sicher gewusst.

Auf andere Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten, da ist eine selbstsicher vorgetragene Meinung entweder Zeichen von großer Weisheit oder bodenloser Dummheit: Der Redner hat alle Für und Wider bedacht, so dass es für ihn nur eine Lösung geben kann - oder er hat überhaupt keine Ahnung. Ein Weiser kann es sich leisten, seine Unsicherheit einzugestehen. Dann aber "würde" er nicht "sagen" oder "fast meinen", sondern andere Worte wählen: "Ich weiß nicht genau, bin mir nicht sicher."

Platte Logik und spitzfindige Wortklaubereien verschließen uns den tieferen Sinn des Gesagten und das Herz des Gesprächspartners.

 

 

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Echo Online
Sprachecke 16.12.2014

 

Datum: 09.12.2014

Aktuell: 09.02.2019