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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Blumensagen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Frage

 

Die menschliche Phantasie hat sich gern von Blumen, ihren Namen und ihren Eigenschaften zu Erzählungen anregen lassen.

Drei Blumensagen möchte ich kurz vorstellen. Zwei sind breit ausgearbeitete Erzählungen: Narzisse und Hyazinthe. Die dritte besteht nur aus einem Satz: Wegwarte.

Hans Vintler schrieb um 1400 über die Wegwarte: "Viele sagen, die Wegwarte sei eine zarte Jungfrau gewesen und warte noch immer mit Schmerzen auf ihren Geliebten."[1] Sehr viel mehr ist den Erzählern bis heute nicht eingefallen. Die knappe Notiz erklärt den Namen: Sie wartet am Weg.
Die Wegwarte steht vor allem an Wegrändern. Der Name war ursprünglich anders gemeint: Der männliche wegawart (althochdeutsch) wartet des Wegs, er kümmert sich um ihn. Zur Zeit der Trampelpfade konnte man deren Verlauf an den Pflanzen erkennen, die am Rand wuchsen.[2]

Eine ähnliche Geschichte hat der römische Dichter Ovid (Zeitenwende)[3] überliefert: Eine  verlassene Geliebte des Sonnengottes guckte sich die Augen aus nach ihrem Ex und verfolgte seinen Weg übers Firmament. Sie wurde in eine Pflanze verwandelt, deren Blätter immer in Sonnenrichtung stehen.[4] Gemeint ist die Sonnenwende[5]. Beide Geschichten wurden schon im Mittelalter vermengt und auch von der Wegwarte behauptet, dass sie sich nach der Sonne dreht.

Der wissenschaftliche Name der Wegwarte, Cichorium intybus[6] erinnert uns daran, dass die Wegwarte auch einen praktischen Nutzen hat: Aus der Wurzel machte man in schlechten Zeiten Zichorienkaffee,[7] die Blätter kultivierter Arten essen wir als Salat: Endivie (aus lateinisch intybus)[8] und Chicorée (französische Namensform).
Das lateinische intybus geht auf den vorindogermanischen Pflanzennamen hent- zurück, der 'blau blühende Pflanze' und letztlich 'Gewächs' bedeutete.[9]

Die Narzisse ist schön, aber giftig.[10] Sie verdankt wie die Narkose ihren Namen dem griechischen nárkê 'Erstarrung, Ohnmacht'.[11] Die Griechen erzählten von dem schönen Narziss, der alle Verehrerinnen und Verehrer abwies und der Selbstverliebtheit (Narzissmus[12]) verfiel. Er saß dann nur noch wie erstarrt am Wasser und himmelte sein Spiegelbild an.[13]

Auch Hyazinth soll ein schöner Knabe gewesen sein, in den sich der Gott Apollon verliebt hatte. Er wurde aus Versehen von einem Diskus tödlich getroffen. Aus dem Blut entstand die nach ihm genannte Blume.[14] Die Sage trägt der Tatsache Rechnung, dass der Blumenname (griechisch hyákinthos, lateinisch vaccinium, kretischer Monat vákinthos) das vorindogermanische wetch- 'Junge' enthält (keltisch vas(s)os 'junger Mann, Diener', altanatolisch wakku 'Jungmannschaft, Heer').[15] Auch eine blühende Pflanze ist noch jung; als "Erwachsene" trägt sie Früchte.

 

 

 

 

 

Frage:

die Sprachecke in Bezug auf die Blumen erwähnt kurz einen Sachverhalt, den ich noch nie verstanden habe:

Warum heißt endive (frz) Chicorée (dt.) und “chicorée” (frz) “Endivie” (dt.)?

Die lateinischen Namen des jeweiligen Salates geben keine wirkliche Aufklärung, sondern fügen sich perfekt in das Verwirrspiel ein. Warum gibt es diese überkreuzende Benennung, die beiden Salatsorten haben doch nichts miteinander gemeinsam? Oder doch?

 

Meine Antwort:

Das ist deshalb so unübersichtlich, weil dieselbe Wildpflanze drei Namen hat:

  • griech. kikhóreia > lat. cichoria > dt. Zichorie / frz. chicoré

  • lat. intibus > roman. endivia > dt. Endivie / frz. endive

  • dt. Wegwarte

Dazu kommt, dass man aus der Wildpflanze drei Verwendungsarten entwickelt hat

  1. Sorte mit größeren Blättern schon im Altertum: Endivie

  2. eine neue Methode der Behandlung: Die Pflanzen werden in Sand eingelagert und die oberirdischen Triebe gekürzt, dadurch entstehen die Chicorée-Blätter, im 19. Jahrhundert zufällig entdeckt. Diese Methode wurde in Belgien entwickelt, daher der frz. Name.

  3. Verwendung der Zichorien-Wurzel, z. B. als Kaffeeersatz.

Von der Wildpflanze sehen wir ja nur die oberirdischen Teile mit den wunderschönen blauen Blüten.

 

 

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Datum:

Aktuell: 09.02.2019