Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Kein Staat mit der Staat

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Mit einem bankrotten Gemeinwesen ist kein Staat mehr zu machen, weder in der Kommune noch auf höherer Ebene.

Dann müssen Stellen gestrichen werden, die Beschäftigten warten vergeblich auf ihre Vergütung, nichts funktioniert mehr, der Betrieb rostet ein - außer, wo er "geschmiert" wird.

"Mit etwas Staat machen" bedeutet 'einen standesgemäßen Aufwand treiben'. Im älteren Deutschen war Staat[1] auch 'Kontostand, Etat'. Wer Geld hatte, konnte sich was leisten und das auch zeigen. Das ist heute nicht anders. Damals aber lag das nicht nur an Glück und Geschick, sondern die Menschen waren in Stände eingeteilt (ähnlich wie die indischen Kasten)[2] und man sollte "standesgemäß" leben, nach dem Lebensstandard seines Standes und nicht den Umständen und dem Kassenstand entsprechend. Standesgemäß war um 1300 für den Bauern ein grauer oder blauer Wollrock[3] und wenig Aufwand bei Festen. Vom Adel erwartete man Prachtentfaltung, sie mussten zeigen, wer sie waren und was sie sich leisten konnten. Zu den Repräsentationspflichten gehörte auch ein großer, prächtiger Hofstaat, möglichst viel Personal, mit dem man sich sehen lassen konnte.

So bekam um 1500 in Frankreich état 'Staat' die Bedeutung 'alles, was einem Fürsten untersteht', nicht nur der Hofstaat, sondern auch Land und Leute, also ungefähr das, was wir heute unter Staat verstehen. Im Deutschen ist dieser Begriff seit dem 17. Jahrhundert gebräuchlich. Im Mittelalter war stat 'Zustand, Lebensweise, Würde, geistlicher Orden'. État und Staat kommen von lateinisch status 'Stand, Zustand, Gesellschaftsschicht', verwandt mit Stadt, Stätte, statt 'wo etwas steht'.

Zwei wesentliche Kennzeichen des Staates sind Macht und Gewalt.

Macht ist das, was die "Macher" haben, die Befugnis zu handeln und die dafür notwendigen Mittel. Aber Macht kommt nicht von machen, sondern von mögen / mag im alten Sinn von können. Macht ist also Vermögen, nicht nur finanziell. Denn was nützen alle Mittel und Befugnisse, wenn die Regierung nicht handlungsfähig ist?[4]

Gewalt klingt nach Diktatur und Unrecht. Die Staatsgewalt besteht aber nicht nur aus Militär und Polizei, sondern ist die praktische Ausübung der Macht, wenn die Regierung nicht nur "mag", sondern "waltet" (verwandt mit lateinisch validus 'stark, mächtig'). Macht und Gewalt haben also eine ähnliche Bedeutung.
Wir Hessen sagen: "Mit Gewalt hebt ma e Gaiß hinne rum",
[5] wenn sich die Ziege nicht freiwillig umdreht, muss man nachhelfen, nicht mit Prügeln, sondern mit Muskelkraft. Wenn jemand "keine Gewalt in den Händen" hat, beherrscht er sie nicht mehr, greift daneben, und hat keine Kraft etwas festzuhalten. Auch in der Umgangssprache hat Gewalt noch etwas mit Macht zu tun.[6]

 

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online | Begriffe: Staatsformen

Sprachecke 11.12.2007 | 29.01.2008 | 08.11.2011 | 19.05.2015

 

Datum: 12.05.2015

Aktuell: 09.02.2019