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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Gas und Bremse

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Jedes Auto hat einen Motor und unter anderem zwei Regler, die einander ergänzen: Gaspedal und Bremspedal.

Ein Bleifuß auf der Bremse ist unsinnig, da braucht man sich gar nicht ins Auto zu setzen. Ein Bleifuß auf dem Gaspedal aber auch. Ein guter Fahrer benutzt beides mit Gefühl und kann sich so dem Verkehr anpassen.
Beschleunigen und Bremsen sind zwei wichtige Triebkräfte im Leben überhaupt: Den Jungen kann nichts modern genug sein - die Alten hängen an der Vergangenheit und sind für Neuerungen kaum zu begeistern. Die Welt kann nur funktionieren, wenn Bremser und Beschleuniger zusammenarbeiten und die unterschiedlichen Richtungen sich als Teile des Ganzen verstehen.

Diese Kräfte wirken auch beim Sprachwandel:

Einer der Motoren der Entwicklung ist, dass jeder von uns erst mal sprechen lernen muss. Dabei gibt es Verluste. Häufige Wörter und grammatische Formen prägen sich schnell und dauerhaft ein, ganz seltene lernt man vielleicht überhaupt nicht kennen oder versteht nicht richtig und merkt sich etwas Falsches. Besonders betroffen sind Fremdwörter, die man sich nicht erklären kann. Ich habe als Kind ein paarmal gehört "alle Porneer!" als Zeichen des Lobs. 100 Jahre früher schreibt Niebergall "alle bunehr" im selben Sinn. Dass diese Wendung von französisch "à la bonne heure! - Bravo! Recht so!" kommt, ist kaum zu erkennen.[1]

Es ist oft schwer die Lautung eines unbekannten Wortes zu verstehen, da fragen wir als erstes: "Wie schreibt man das?" Bei Fremdwörtern kann man nachsehen, aber nicht bei entstellten Dialektwörtern. Meine Mutter nannte den Stier Fann. Ich dachte zuerst an das Literaturwort Fant, von dem ich nicht wusste, was es bedeutet[2], sie meinte aber den Farren.[3]

Die Bremser des sprachlichen Fortschritts sind zunächst mal Schule und Literatur. Das ‑e von Manne war ein Kennzeichen des Dativs. Schon Luther hat es nicht mehr überall geschrieben, also wohl nicht gesprochen, und trotzdem wurde die längst veraltete Form noch vor 60 Jahren in der Schule gelehrt. Heute rätseln die Jüngeren, was das soll.[4]

Gas geben dagegen die Bemühungen der Institutionen um eine zeitgemäße Sprache. Das führt dazu, dass in der älteren Literatur gebrauchte Ausdrücke nicht mehr verstanden werden. Wahrscheinlich muss man das Gebot "Du sollst nicht stehlen" demnächst umformulieren in: "Du sollst nicht klauen."
Vor 100 Jahren waren im Hessischen dich und Disch 'Tisch' noch deutlich zu unterscheiden und noch vor kurzem merkte man einen Unterschied in der Aussprache. Wenn heutige Mundartautoren disch schreiben, verstärken sie den Trend zu sch und beschleunigen damit die Entwicklung.

Einseitig bremsen oder beschleunigen tut auch in der Sprache nicht gut.

 

 

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Echo Online

 

Datum: 08.09.2015

Aktuell: 09.02.2019