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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Zwischen heiß und weiß

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Der Herbst ist die Zeit zwischen heiß und weiß, zwischen den langen und den kurzen Tagen im Jahr.

Wir definieren den Beginn einer Jahreszeit[1] nach dem scheinbaren Sonnenlauf: wann die Sonne am weitesten im Norden oder im Süden und wann sie genau im Osten und Westen auf- und untergeht. An den langen Tagen heizt sie kräftig ein, an den kurzen kann sie ihre Kraft nicht entfalten. Es dauert aber immer noch etwa sechs Wochen, bis es wirklich heiß oder wirklich kalt wird. Daher ist der Februar der kälteste und der August der heißeste Monat.

Herbst bedeutet wie englisch harvest eigentlich 'Ernte'. Wir erkennen das noch an der Sonderbedeutung 'Weinlese' und im rheinhessischen Rätselwort: "Wer nicht in den Herbst geht, kommt auch nicht in den Winter" - wer faul ist und nicht bei der Weinlese mithilft, kommt nicht weit. Die Pflückernte heißt Herbst im Unterschied zur Schnitternte (Gras und Getreide) im Sommer (hessisch Ärn). Auch dazu gibt es einen Spruch aus Rheinhessen: "Man meint, es wäre Ernte und Herbst auf einen Tag", so viel Arbeit ist zu tun.[2]

Der Sommer ist heiß und der Winter weiß.

Das Wort Sommer haben wir mit den Kelten gemein: gallisch samos - deutsch Sommer, das Grundwort sam- sogar mit den Semiten und  Nordafrikanern: Koptisch (neuägyptisch) schom ist der 'Sommer' und semitisch schamschu die 'Sonne'.[3]

Die Sonne hat es an den Tag gebracht, was es mit dem Sommer auf sich hat. Das Rätsel des Winters dagegen ist schwerer zu lösen. Keltisch vindos 'weiß'[4] drängt sich als Antwort regelrecht auf, aber die Kelten nannten die weiße Jahreszeit anders, giam-, verwandt mit lateinisch hiems.[5] Woher sollen wir wissen, dass Winter der Sohn von vindos ist? Wo der Gentest versagt, zählt hier wie im Krimi der Indizienbeweis: Der Vater hat zwei Spuren hinterlassen: 1. Im Irischen ist fionn-uair 'weiß-kalt: kühl, frisch', zusammengesetzt aus altirisch find 'weiß' und úar 'kalt'. Gedacht ist wohl an den weißen und kalten Schnee.[6] 2. Von walisisch gwyn(d) 'weiß' gibt es eine Ableitung gwynd-ra 'das Weiße', gebildet wie Winter (germanisch wintrus).[7]

Warum haben die Germanen den angestammten Namen des Winters (giam-, hiems) aufgegeben und ein neues Wort gebildet? Weil sie "den Teufel nicht an die Wand malen" und ihn dadurch nicht herbeirufen wollten. Denn mehr als die anderen indogermanischen Völker litten die Germanen im Norden unter Kälte und Schnee. Also griffen sie zum bewährten Mittel  der Sprachregelung und benannten die kalte Zeit um in "den Weißen". So konnte sie sich nicht angesprochen fühlen, wenn man über den "Weißen" redete, und es wurden auch keine unangenehmen Erinnerungen geweckt. Vorerst, als das Wort neu war.

 

 

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Echo Online

Begriffe: Jahreszeiten | Sprachecke 30.03.2010

 

Datum: 10.11.2015

Aktuell: 09.02.2019