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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Pflegepflicht

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Pflegen ist ein sehr vielseitiges Wort. Kaum jemand ahnt, dass es mit Pflicht verwandt ist.[1] Gibt es eine Pflegepflicht?

Wer sich's leisten kann, pflegt sich täglich ausgiebig zu pflegen, um für den Rest des Tages gepflegt auszusehen. Wer nicht so viel Wert aufs Aussehen legt, hat mehr Zeit, um seine Hobbies zu pflegen. Wer ständig gefordert ist, kann sich noch nicht mal das leisten. Denn in der Freizeit müssen Garten und Haustiere gepflegt werden. Und wenn man eine pflegebedürftige Person im Haus hat, ist alles andere zweitrangig.

Es gibt tatsächlich eine Pflicht zu pflegen: Die nächsten Angehörigen müssen Kinder, Kranke und Alte betreuen und die Kosten dafür aufbringen. Nicht das Recht des Stärkeren und "einer frisst den anderen" ist Naturgesetz, sondern die Pflicht, für Artgenossen zu sorgen. Alle höheren Tiere kümmern sich um ihren Nachwuchs. Schon die Urmenschen fütterten auch die durch, die nicht mehr konnten.[2]

Pflicht und Pflege sind aber viel mehr als das bisher Genannte. Das merken wir, wenn wir uns die Verwandten dieser Wörter ansehen: Grundwort ist indogermanisch qel- (k-, p-) 'drehen, sich bewegen'.[3]
Dazu gehören lateinisch cólere 'pflegen, bebauen, bewohnen, verehren'
[4], altirisch cluiche 'Sport, Spiel, Kunststücke'; griechisch poleîn 'umdrehen, umpflügen, bewohnen'[5] - und mit t irisch cleacht 'ausüben, gewohnt sein'.
Dem irischen c entspricht gewöhnlich gallisches und britannisches p und germanisches hw-. Pflegen, Pflicht scheint also ein Lehnwort aus dem  Gallischen zu sein, von dem nur wenig überliefert ist. Pflicht ist gebildet wie Gewicht zu wiegen Das irische cleacht 'ausüben' ist von einem Wort für 'Übung' abgeleitet wie gewichten von Gewicht.

Welchen Bedeutungsspielraum die germanischen Wörter hatten zeigt beispielhaft altenglisch plaegian 'sich schnell bewegen, üben, sich betätigen, spielen, sich vergnügen, scherzen, Musik machen', da ging es also mehr um den Spaß, daher englisch play 'spielen' - um den Ernst aber bei althochdeutsch pflegan 'sorgen für, zu tun haben mit, Verantwortung tragen für, leiten, einstehen für' und pfliht 'Fürsorge, Sorgfalt, Obhut, Gebot, Pflege'. Wie schnell aus Spiel Ernst werden kann, sehen wir an altenglisch pliht 'Gefahr, Risiko, Schaden': Gespielt wurde um Einsätze: Geld, Hab und Gut und die eigene Freiheit.
Althochdeutsch pflegan war ein starkes Verb (pfligit, pflag / pflog, gipflegan)
[6], das altenglische plaegian ein schwaches (plaegede)[7] wie heute bei uns (pflegte). Das starke Verb steckt in Gepflogenheit 'Gewohnheit' und dem veralteten "pflog Freundschaft".[8]

Bei "wie er zu sagen pflegte" bedeutet pflegen 'aus Gewohnheit tun'. Das ist auf Hessisch "wie er alls gesagt hat."

 

[4] mit Kult, Kultur, Kolonie

[5] mit Pol 'Drehpunkt'

[6] Graff 3,356ff

 

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Echo Online

 

Datum: 01.12.2015

Aktuell: 09.02.2019