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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Spatzenhirn

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Spatzen und andere Vögel haben kleine Köpfe und ein winziges Hirn. Eigentlich müssten sie sehr dumm sein.

Fliegen und erst recht Singen erfordert aber eine Gehirnleistung, die man diesen Köpfchen nicht zutraut.

Beispiel: die Amsel. Die schwarze Sängerin teilt ihren Namen mit der Meise und der Maus: ein Urwort mis-, mus- 'kleines Lebewesen'. Bei Meise und Maus ist der Zusammenhang zu erkennen. Bei der Amsel ist es sehr kompliziert. Das zeigt ein Vergleich der Ausdrücke in anderen Sprachen: albanisch mëllénjë (*maslenja), lateinisch merula (*mes°la), bretonisch moualc'h (*musalcos) und schließlich unser Amsel (°ms°la). Das Wort ist vorindogermanisch. Die Ägypter hatten einen weiblichen Vogelnamen msr‑t (*msl‑t), mit denselben Konsonanten, nur dass die weibliche Endung ‑t, nicht -a war.[1]

Amselmelodien sind teils angeboren, teils erlernt, auch von anderen Vögeln und Menschen.[2] Noch gelehriger sind Rabenvögel, die sogar sprechen lernen können.[3] Unübertroffen aber sind die Papageien. Da sie bei uns nur zusammen mit Menschen leben, hat man ihre Sprachkünste früh beobachtet und konnte nachweisen, dass sie nicht nur nachplappern, sondern sogar die Wörter verstehen und richtig gebrauchen können.[4]
Der Vogel heißt auf Arabisch ähnlich: babagha (gh ist eine Art Rachen-r). Die Grundform bagh-bagh-an hat sich in Ägypten gehalten. Der Papagei ist also verwandt mit dem unverständlich brabbelnden Barbaren
[5] und der plappernden Babbelschnut. Die Europäer lernten den Vogel samt seinem Namen bei den Kreuzzügen kennen und nannten ihn auf Romanisch papagallo (zu gallus 'Hahn' und in Anlehnung an die bunten Gewänder der "Pfaffen"). Daraus wurde altfranzösisch papegail (mit verschlucktem l) und um 1550 unser Papagei. Näher am arabischen Wort ist mittelhochdeutsch papegân, an das der Vogelfänger Papageno erinnert.[6]

Länger bekannt ist der Sittich, aus griechisch psíttakos 'Papagei', im Mittelalter besonders der 'Halsbandsittich'.[7] Psítta war eine Art Specht'; Grundwort scheint ein allgemeines Wort für 'Vogel' zu sein (zu swi- 'pfeifen').[8]

Die wohl bekannteste Papageiengattung ist der amerikanische Ara,[9] der seinen Namen von den Indianern bekam, wahrscheinlich ein Urwort, das auch in unserm Aar 'Adler' weiterlebt.[10] Aus Südostasien kommt der Kakadu und sein Name, malaiisch kakatua, zu kaka- 'kakeln, Krähe' und tua 'alt':[11] Wie alle Papageien kann auch der Kakadu sehr alt werden.[12]

Ein "Spatzenhirn" reicht aus, dass ein Sperling Nahrung finden, fliegen, ein Nest bauen, tschilpen und seine Jungen großziehen kann, der Sang der Nachtigall uns erfreut, die Schwalbe in Südafrika[13] überwintert und der Papagei "babbeln" kann.[14] Was bilden wir Menschen uns auf unsre Dickköpfe ein?

 

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Begriffe Vögel | Papagei

 

Datum: 07.06.2016

Aktuell: 09.02.2019