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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

wohnen, kleiden

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Frage:

In einigen Sprachen, oder vielleicht mehr als wir denken, scheinen (sich) kleiden und wohnen etymologisch verwandt zu sein. Ich denke an habiter/ habit, asu/ asua im Finnischen. Hätten Sie noch Beispiele aus anderen Sprachen?
Läßt sich daraus (aus diesem Zusammenhang) etwas schließen, wie etwas im Sinne der Lakoffsche  Hypothese, dass Abstrakta konkrete Metapher brauchen?

 

 

   

 

Meine Antwort:

Die beiden finnischen Ausdrücke sind tatsächlich etymologisch verwandt:

  • asu 'das Äußere, Outfit, Look, Kleidung, äußere Form, Aufmachung, Layout'

  • asua 'wohnen'

Gemeinsame Grundbedeutung: 'setzen, stellen, legen, ein Zelt aufstellen' (verwandt mit idg. *ẖes- 'sein', lat. esse, franz. être, deutsch is-t)

Dass hier das Abstrakte durch eine konkrete Metapher ausgedrückt wird, glaube ich nicht. Verben, Adjektive, Adverbien bezeichnen immer etwas Abstraktes. Ich habe Lakoffs Bücher nicht gelesen und kenne seine Begründungen nicht. Er meint wahrscheinlich eher Redewendungen als einzelne Vokabeln. Bei diesen muss man weit in die Vergangenheit zurückgehen, um ihren ursprünglichen Sinn herauszufinden.

Die finnischen Wörter bezeichnen nicht wie die idg. Entsprechungen einen Zustand, sondern eine Handlung: 'an eine bestimmte platzieren'. Wenn man wie die Urfinnen ständig unterwegs ist, kann dieses Wort die Bedeutung bekommen 'an einer bestimmten Stelle ein Zelt aufstellen', also 'dort wohnen'. Das Zelt ist für die Bewohner sozusagen die äußere Hülle, daher die Bedeutungsübertragung 'Äußeres > Outfit > Kleidung'.

Die französischen Wörter habiter 'wohnen', habit 'Anzug, Kleid' sind abgeleitet von lat. habēre 'halten, besitzen, sich in einer bestimmten Weise verhalten', daher habitus 'äußere Erscheinung, Haltung, Beschaffenheit, Befinden, Kleidung' und habitare 'sich aufhalten, wohnen'. Was diese drei Wörter verbindet, ist die Bedeutung 'festhalten > sich verhalten, Haltung, sich aufhalten'.

Aus dem Indogermanischen ist mir das Nebeneinander von *ẖʊës- 'wohnen', und *ʊes- 'kleiden' eingefallen (altind. वास्तु vâstu 'Stätte, Haus', deutsch ge-wesen – lat. vestis, got. wasti 'Kleid', got. wasjan 'kleiden', engl. wear 'Kleider tragen'. *Ʊes- 'wohnen' scheint mir eine Nebenform von *ẖes- 'sein' zu sein.

 

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Datum: 2009

Aktuell: 09.02.2019