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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Das singende und springende Löweneckerchen

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Leserbrief:

Der Titel des Märchens vom "singenden springenden Löweneckerchen" hat mich als Kind etwas verwirrt . Ich las es jetzt erneut und registrierte vor allem, dass einige Elemente aus anderen Märchen bekannt sind. Aber wieso die Lerche Löweneckerchen genannt wurde, ist mir nicht ersichtlich.

Meine Antwort:

Das "singende und springende Löweneckerchen" hat nicht nur Sie verwirrt, mich genauso und hat auch die Etymologen an der Nase herumgeführt, siehe Deutsches Wörterbuch 12,759: "wie auch im deutschen mundartlich löweneckerchen erscheint". Das ist aber doch nur aus dem Märchen erschlossen. Richtig ist, dass der Vogelname ursprünglich ein w hatte (im plattdeutschen Text von "Ich bin das ganze Jahr vergnügt": "Dat Lewerken dar boven singt und in mien Hart dat ook so klingt", hier wird das stammhafte -ke als Verkleinerung verstanden, daher "dat").

Im Märchen geht es ja darum, dass der Vater seinen Töchtern was mitbringen soll. Die Jüngste wünscht sich ein "Lewerken", das muss man als 'Lerche' verstehen, am Ende bekommt sie aber keinen Vogel, sondern einen Bräutigam. Lewerken kann man wohl auch verstehen als "Lieberchen", im Märchen ist es der künftige Bräutigam, der das Wesen auf dem Baum (von Grimm gedeutet als Lerche und umschrieben als "Vogel") hütet. Vom Vogel ist zunächst keine Rede mehr, der Löwe ist der Bräutigam, welchem der Vater seine Tochter zuführt. In der Hochzeitsnacht aber verwandelt er sich in eine weiße Taube und fliegt davon. Der 2. Teil ist eine Nachwirkung des antiken Märchens von Amor und Psyche, wo der geflügelte Gott auch davonfliegt. Im deutschen Märchen geht's wohl eher um das übliche Schicksal der jungen Männer im 19. Jahrhundert: "Lehr- und Wanderjahre" bis zur Meisterprüfung oder Militärdienst, dann Rückkehr und Heirat.

Vielleicht muss man das Märchen so verstehen: Die Tochter will das kleine "Lieberchen" auf dem Baum des Lebens, das kriegt sie aber nicht ohne das große darunter.

Aber "Löweneckerchen" ist doch was anderes als Lewerken, egal, wie man's versteht. Ich vermute, dass der Mittelteil redupliziert ist (Le-we-we-rk-en, das liefe auf ein Wort für 'Eichhörnchen' hinaus = tschech. veverka) oder zu platt Eker(ken) 'Eichhörnchen'), jedenfalls ein Mischwesen, das singt wie eine Lerche und springt wie ein Eichhörnchen. Die erste Hälfte wurde auf Löwe gedeutet, die Zusammensetzung korrekt mit -en gebildet. Löwen-ekerken wäre, so oder so, das Löwen-eichhörnchen.

   

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Übersicht

 

Sprachecke 01.03.2016

Grimm, Löweneckerchen

 

Datum: 2007

Aktuell: 09.02.2019

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