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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Rhodopis

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Titel

Inhalt

Strabon 1

Versionen

Herodot

Strabon 2

Heliodor

Nachwirkungen

Aschenputtel

Das ägyptische Aschenputtel

Deutung

 

I. Inhalt

1. Strabon

Geographie 17,1,33 [1] (gest. 23 n. Chr.)
»Man erzählt [von Rhodopis] folgende Sage: Als sie badete, ergriff ein Adler eine ihrer Sandalen und trug sie nach Memphis. Der König hielt gerade Gericht im Freien. Als der Adler über seinem Kopf ankam, ließ er die Sandale in dessen Schoß fallen. Der König, berührt von der schönen Form der Sandale und durch das merkwürdige Ereignis, sandte Leute in alle Richtungen in das Land, um nach der Frau zu suchen, die diese Sandale getragen hatte. Man fand sie in der Stadt Naukratis und brachte sie nach Memphis. Sie wurde die Frau des Königs.«

II. Versionen

1. Herodot (gest. 424 v.Chr.)

Historien 2,134 f
Von der Mykerinos-Pyramide (2490-71) behaupten einige, sie rühre von der schönen Hetäre Rhodopis her. Herodot glaubt das nicht, weil Rhodopis viel später zur Zeit des Pharao Amasis (570-26) lebte. Sie war eine Sklavin, die mit ihrem Liebhaber nach Ägypten gekommen war. Der Bruder der Dichterin Sappho (um 650 bis 590) kaufte sie frei. Sie blieb in Ägypten, verdiente als Hetäre eine Menge Geld und wurde so berühmt, dass jeder Grieche ihren Namen kennt. Mit ihrem Geld hätte sie zwar keine Pyramide bauen können, aber sie stiftete ein Zehntel davon in Form eiserner Bratspieße als Weihegeschenk an Delphi.

2. Strabon

Auch Strabo berichtet von dieser Pyramide, die inzwischen "Grab der Hetäre" heißt und Dolicha, [2] der Geliebten des Bruders der Sappho zugeschrieben wird. Andere nennen sie Rhodopis, von der er die obige Sage erzählt. Er schließt mit den Worten: »Als sie starb, wurde sie mit dem oben erwähnten Grab geehrt.«

3. Heliodor [3]

Die äthiopischen Abenteuer von Theagenes und Charikleia (230 /250)  
Ein alter Ägypter namens Kalasiris erzählt, wie er in Ägypten den Verführungskünsten der Rhodopis erlag und sich nur mit Mühe wieder befreien konnte.

IV. Nachwirkungen

1. Aschenputtel

Das Motiv vom König, der die Besitzerin eines Schuhs heiratet, kommt auch in "Aschenputtel" vor.

2. Das ägyptische Aschenputtel

Sherry Climo und Harper Collins haben 1989 im Intenet eine bezaubernde Neufassung der antiken Sage veröffentlicht:

Die Griechin Rhodopis war von Seeräubern gefangen und nach Ägypten an einen gutmütigen alten Mann verkauft worden. Weil sie lockige blonde Haare, grüne Augen und sonnenempfindliche helle Haut hatte (daher Rhodopis 'das Rosengesicht') und anders aussah als ihre Mitsklavinnen, wurde sie von diesen schikaniert. Ihre einzigen Freunde waren Tiere. Abends ging sie an den Fluss, um für die Tiere barfuß zu tanzen und zu singen. Der alte Mann beobachtete sie, fand Gefallen an ihrem Tanz und schenkte ihr ein paar Pantoffeln mit rosa-goldnem Oberteil und Ledersohlen.
Eines Tages hieß es, der Pharao halte Hof in Memphis. Die anderen Mädchen machten sich fein, gingen hin und gaben Rhodopis mehr Arbeit. Sie ging an den Fluss Kleider waschen und sang dabei so traurig, dass ihr Freund, das Nilpferd, wieder ins Wasser ging und dabei ihre Pantoffeln nass machte. Das Mädchen legte sie in die Sonne zum Trocknen. Da kam der Gott Horus in Falkengestalt, und flog mit einem Pantoffel davon. Pharao Amasis saß im Freien auf seinem Thron und langweilte sich, da ließ der Falke den Pantoffel in seinen Schoß fallen. Der König gab sofort den Befehl, dass alle Jungfrauen in ganz Ägypten den Pantoffel anprobieren müssten, denn er wollte die Besitzerin heiraten. Er machte sich selbst auf die Suche mit Wagen und Schiff und ließ überall den Schuh probieren. Als er dorthin kam, wo Rhodopis wohnte, liefen die anderen Mädchen sofort zur königlichen Barke, aber Rhodopis versteckte sich in den Binsen. Der König entdeckte sie und bat, den Pantoffel anzuziehen – er passte. Sie zeigte auch das Gegenstück. Amasis erklärt, er wolle sie heiraten. Die Sklavinnen protestieren, sie sei unfrei und noch nicht einmal eine Ägypterin. Amasis: "Sie ist am allerägyptischsten, denn ihre Augen sind grün wie der Nil, ihre Haare so federleicht wie Papyrus und ihre Haut so rosig wie Lotosblumen."

Dieses Märchen wurde angeblich vom Fabeldichter Äsop erzählt, der mit Rhodopis nach Ägypten gekommen war.

VI. Deutung

Hier sind mehrere Überlieferungen durcheinander geworfen: eine Königinnenpyramide und die Mykerinos-Pyramide – die Hetäre Rhodopis und Dolicha, die Schwägerin Sapphos, und die Heldin der Sandalengeschichte.

 

[1] (nach einer englischen Übersetzung)

[2] eigentlich Doricha (Gebet für den Bruder)
[Sappho: [Lyrik]. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 9490 (vgl. Griech. Lyrik, S. 108) (c) Aufbau-Verlag]

[3] Heliodor: Die äthiopischen Abenteuer von Theagenes und Charikleia. Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos, S. 4095 (vgl. Heliodor-Abent., S. 73) (c) Sammlung Dieterich Verlagsgesellschaft mbH

 

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Übersicht

 

Sprachecke 02.01.2013

 

Datum: 2006

Aktuell: 09.02.2019