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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Märchen erklärt

Der Klapperstorch

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Das "Märchen vom Klapperstorch" ist eigentlich kein Märchen, sondern ein Mythos, der erklären soll, wo die kleinen Kinder herkommen. Diese Erklärung ist nirgends zu einer eigenen Geschichte ausformuliert, nur der Inhalt, die Kunde davon, wurde von Generation zu Generation weitergegeben.

I. Inhalt

1950 machte unsere Lehrerin mit uns Erstklässlern einen Ausflug zu einer gefassten Quelle im Feld und erzählter uns, hier würde der Storch die kleinen Kinder holen und den Eltern bringen.

Dazu gehörte die Behauptung, der Storch hätte der Mutter ins Bein gebissen, so dass sie wie eine Kranke im Bett liegen musste.

Vor der Geburt meiner Schwestern (1944 und 46) legte ich dem Storch eifrig Zucker aufs Fensterbrett.

Wenn die Kinder einen Storch sahen, riefen sie "Storch, Storch, guter, bring mit einen Bruder" oder "Storch, Storch, bester, bring mir eine Schwester".

II. Alte Belege

Die Behauptung, dass der Storch die Kinder bringt, ist seit dem 17er-Jahrhundert bezeugt und war bis in die 1960er-Jahre gebräuchlich.

1. Kinderreim 1678

(Grimm, Deutsches Wörterbuch 11,978)

klapperstorch, langbein!
bring meiner mutter ein kind heim

2. aus einem Hochzeitsgedicht 1723

(Grimm Deutsches Wörterbuch 19,373)

zum wenigsten ist dis zu gläuben,

es musz hier gut zu wohnen seyn,

wenn andre häuser ledig bleiben,

so spricht allhier der storch doch ein…

und weil uns unsre mütter sagen:
(ich glaub es auch die stunde noch)

die störche müssen kinder tragen,

die fielen durch das schornsteinloch

3. Andersen (1839)

Der fliegende Koffer

Ein junger Kaufmann fliegt mit einem Koffer in die Türkei, besucht dort die Prinzessin und erzählt ihr Märchen, unter anderem "vom Storch, der die herzigen kleinen Kinder bringt".

Die Störche

"Ich weiß, wo der Teich ist, in welchem alle die kleinen Menschenkinder liegen, bis der Storch kommt und sie den Eltern bringt. Die niedlichsten kleinen Kinder schlafen und träumen so lieblich, wie sie später nie mehr träumen. Alle Eltern wollen gern solch ein kleines Kind haben, und alle Kinder wollen eine Schwester oder einen Bruder haben. Nun wollen wir nach dem Teiche hinfliegen, eins für jedes der Kinder zu holen, welche nicht das böse Lied gesungen und die Störche zum besten gehabt!"

4. Die beiden Wanderer

Grimm 107 (1843)

Ein lustiger, gutmütiger, aber leichtsinniger Schneider und ein egoistischer, griesgrämiger Schuster erleben auf ihrer Wanderschaft allerlei Abenteuer. Sie finden Anstellung als Hofschneider und Hofschuster. Der Schuster will dem Schneider schaden und behauptet, sein Kamerad maße sich an, Unmögliches zu leisten. Mit Hilfe von Tieren, die der Schneider verschont hatte, kann er alle Aufgaben lösen. Zuletzt soll er dem König, der bisher nur Töchter hatte, "einen Sohn durch die Lüfte herbei tragen lassen". Auch das gelingt: Der Storch kommt, trägt in seinem Schnabel ein schönes Kind, übergibt es der Königin und teilt unter die Prinzessinnen Tüten mit Zuckererbsen aus.

5. Warum nicht mehr so viele Kinder geboren werden

(Ende 1960er-Jahre, mündlich)

"Warum werden nicht mehr so viele Kinder wie früher geboren? Weil es nicht mehr so viele Störche gibt."

Tatsächlich kam die Antibaby-Pille in der Zeit auf, als die Zahl der Störche zurückging.

III. Motivgeschichte

1. »Kinder aus dem Wasser«

Der Brunnen ist in vielen Märchen ein Symbol für das werdende neue Leben, ganz deutlich im "Froschkönig".

Das Wasser, aus dem die Kinder bei der Geburt herausgezogen werden, ist das Fruchtwasser. Dieses Symbol kommt schon in der Geschichte vom Mosekind [1] vor, das von der Königstochter aus dem Nil gezogen und adoptiert wird (Ex 2).

Schon vom akkadischen König Sargon (2340-2284) wird erzählt, er sei in einem schwimmenden Behälter flussabwärts gefahren, ähnlich die Gründer Roms (angeblich 753), Romulus und Remus. Grimms Märchen "Der Teufel mit den drei goldnen Haaren" (Nr. 29) nimmt dieses Motiv auf: Überall wird erzählt, dass der Held zufällig von einfachen Leuten aus dem Wasser gezogen und adoptiert wird, während seine eigentliche Bestimmung eine ganz andere ist, nämlich König zu werden.

2. »Frosch«

In Ägypten hatte die Geburtsgöttin die Gestalt eines Froschs. [2] In "Schneewittchen" kündigt ein Frosch die Schwangerschaft der Königin an. Der "Froschkönig" beschreibt bildhaft Eisprung, Schwangerschaft und Geburt. Der Frosch, der im Schloss wohnen, vom Teller der Prinzessin essen und nach dem Essen von ihr ins Bett gebracht werden will, symbolisiert das Baby.

3. » Storch«

a. Penissymbol

Im Mhd. war "des mannes storch" eine der vielen Umschreibungen für 'Penis'. Von daher erklärt sich das Bild, dass der Storch der Mutter ins Bein gebissen habe.
Möglicherweise ein Wortspiel: Nebenform storc 'Storch', erinnert an starc 'kräftig' und strac 'gerade, straff, ausgestreckt' .

b. Kinderbringer

Der Storch zieht die Frösche aus dem Teich und frisst sie. Da er der Mutter angeblich ins Bein gebissen hat, legt sich nahe, dass er auch die Kinder bringt, die er aus der Lebensquelle geholt hat.

 

[1] Die Mosegeschichte wandelt das alte Schema um: Der Held wird zwar von der Pharaonentochter adoptiert, dann aber doch von seiner leiblichen Mutter großgezogen. Er ist von Geburt kein ägyptischer Prinz, sondern Hebräer und bekennt sich dazu.

[2] E. Brunner-Traut, Altägyptische Märchen 81

 

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Übersicht

 

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Sprachecke 02.04.2013 | Jahresthema Märchen

 

Datum: 2006

Aktuell: 23.06.2019