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1. Der heilige Nikolaus
2. Der
dämonische Begleiter des Heiligen
3. Umzug am Heiligentag
4. Das Christkindchen
5. Pädagogisches Theater
6. Warum
muss man kleine Kinder belügen
7. Kleidermoden |
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Der heilige Nikolaus ist
einer der bekanntesten Heiligen überhaupt. Jedes Kind hat schon von ihm
gehört, weiß, dass sein Tag der 6. Dezember ist, und erwartet von ihm
Geschenke.
Dabei ist über das Leben
des Heiligen nur wenig Glaubwürdiges bekannt: dass er um 350 n. Chr.
Bischof in der kleinasiatischen Stadt Myra war, mag richtig sein. Die
vielen Wundergeschichten, die man von ihm erzählt, weisen ihn als
Beschützer der Seefahrer und Gefangenen aus; als solcher wurde er später
verehrt; sie geben uns aber keinen Eindruck von seinem wirklichen Leben.
Jedenfalls war er weder Geschenkbringer noch Kinderbeglücker, wie man oft
hören kann. Die Anknüpfung des modernen Weihnachtsmanns an den Bischof des
4. Jahrhunderts ist doch recht gekünstelt.
Wie kommt es aber
zu der Verbindung zwischen Geschenkbringer und Nikolaus?
Das ist eine lange
Geschichte.
In katholischen Gegenden
kann man heute noch erleben, dass Nikolaus nicht mit Kapuze, Sack und
Rute, sondern im Bischofsornat mit dem Bischofsstab erscheint, oft in
Begleitung eines Wesens namens
Knecht Ruprecht, (Ostdeutschland)
Krampus (Bayern,
Österreich), Pelzmärtel (Schwaben),
Pelznickel (Hessen). Der
alte hessische Pelznickel war alles andere als ein Kinderfreund, eine
furchterregende Gestalt, in Felle ("Pelze") gehüllt, mit Ketten
gefesselt, entsetzlichen Lärm machend, vor der man vor Angst unter den
Küchentisch kroch.
Den Namen
Belznickel gibt es auch in den Vereinigten Staaten (pfälzisches
Erbe), und bei Familien deutscher Herkunft in Brasilien, wo er
Pelznickel heißt.
Ich selbst kann mich noch
gut an den "Nikolaus" meiner Kindheit entsinnen, bekleidet mit einem
dicken Mantel aus Schaffellen, mit langem Bart, wie sich's gehört, aber
mit Bischofsmütze und Bischofstab. Er machte dem Namen
Pelznickel
also alle Ehre: Bischof Nikolaus und bepelzter Popanz in einer
Gestalt.
Man hat sich oft Gedanken
gemacht, wo diese dämonische Gestalt herkommt: etwa ein Überbleibsel aus
dem alten Heidentum? Von den heidnischen Göttern hat man erzählt, dass sie
zu bestimmten Zeiten auf die Erde kommen, die Menschen besuchen und die
Guten belohnen, die Bösen bestrafen. Die heidnischen Götter aber sind seit
anderthalb Jahrtausenden tot.
Oder handelt es sich um
den bekannten Volksaberglauben, dass in der Dunkelheit der Nacht,
besonders in den langen Winternächten, die Geister der Verstorbenen
umherziehen? Unsere Vorstellungen von der Geisterstunde um Mitternacht
(zwischen den Tagen) und unser Brauch des Neujahrsschießens (zwischen den
Jahren, um Geister zu vertreiben), haben in diesem Glauben ihren Ursprung:
in der Dunkelheit und da, wo zwei Zeiten aneinander stoßen, treiben die
Gespenster ihr Unwesen, die am Tag und im geregelten Ablauf der Zeit
keinen Platz haben.
Aber der Pelznickel war nicht das, was man sich unter einem Gespenst
vorstellt. Sicher knüpft die Sitte an alte Umzüge verkleideter Gestalten
an: vom Martinszug über Nikolaus und die drei Könige bis zu verschiedenen
Fastnachtsbräuchen.
Man hat hier den
Eindruck, als sei der volkstümliche Pelznickel oder Pelzmärtel eine solche
Gestalt des Aberglaubens, die nach dem Tag benannt ist, an dem sie ihren
Umzug hält; im Mittelalter zählte man die Tage ja nicht wie heute als
soundsovielten Tag des Monats, sondern man benannte sie nach Heiligen, die
an diesem Tag ihr Fest hatten. Wir tun das heute noch, wenn wir von den
Eisheiligen reden; das sind die Heiligentage Pankraz, Servaz,
Bonifaz und Sophie im Mai, an denen es noch einmal Nachtfrost geben kann.
Die Heiligen, nach denen diese Tage benannt sind, können nichts für diese
Laune des Wetters. Sie waren redliche Christen. Einige sind für ihren
Glauben gestorben.
Wir können uns das gut an
einem anderen Beispiel deutlich machen: In Bayern geht um die Jahreswende
ein Scheusal namens Perchta oder
Percht 'die / der
Glänzende' um; der Name scheint weiter nichts zu sein als eine deutsche
Übersetzung von Epiphanias 'Erscheinungstag' (06.01.). Eine
ähnliche Gestalt in Italien soll Befana heißen; hier schimmert der
alte Name Epiphanias noch deutlich durch.
Halten wir also fest: der
hessische Pelznickel war eine Schreckfigur, die am Nikolaustag ihren Umzug
hielt; ähnlich scheint der schwäbische Pelzmärtel am Martinstag umgegangen
zu sein.
Warum aber wählte man
gerade diese beiden Tage? Weil es sich um sehr beliebte Heilige handelte,
deren Tage auch wirklich gefeiert wurden. Dass also der Pelzgeist
ausgerechnet Pelzmärtel oder
Pelznickel hieß, liegt einfach
daran, dass diese Heiligen ihren Gedenktag gerade in der Zeit des
beginnenden Winters haben.
Die katholische Kirche
mag irgendwelche Volksbräuche zum Anlass genommen haben, den heiligen
Martin als reitenden Soldaten, den heiligen Nikolaus im Bischofsgewand und
die Heiligen des Epiphaniasfestes als Könige wirklich auftreten zu lassen.
Der althessische (evangelische) Pelznickel aber zeigt, dass der Popanz
unabhängig von dem leibhaftig auftretenden Heiligen ist. Er heißt
Pelznickel, weil er einen Pelz anhatte und am Nikolaustag
umging.
Das aber ist nur die eine
Hälfte der Wahrheit.
Der Pelznickel war
begleitet von einem ganz in Weiß gekleideten verschleierten Mädchen, dem
Christkindchen. Beide hatten sich die Aufgaben folgendermaßen
geteilt, dass das Christkindchen die Geschenke brachte, während der
Pelznickel den Kindern Angst einjagte, den einen oder anderen verhaute, in
den Sack steckte und mitnahm. Hier vertreten also beide das lohnende und
strafende Prinzip, also zwei Aspekte Gottes. Darum ist das Christkindchen
folgerichtig als Engel ausstaffiert, der Pelznickel dagegen trägt Züge des
Teufels. Und wenn der moderne Weihnachtsmann ein alter Mann mit langem
Bart ist, dann erinnert er an die landläufige Vorstellung, die man sich
von Gott macht. Nur dass er das lohnende und strafende Prinzip in einer
Person verkörpert: er trägt den Sack mit den Geschenken und die strafende
Rute.
Warum heißt nun aber der
Geschenke bringende Engel ausgerechnet "Christkindchen"? Der Name
"Christkind" meint ursprünglich das neugeborene Jesuskind in der Krippe.
Das Geschenke bringende Christkind ist eine Erfindung des
15er-Jahrhunderts mit deutlich pädagogischer Absicht: Man redete den
Kindern ein, das Jesuskind, dessen Geburt man an Weihnachten feiert, habe
ihnen als Belohnung für braves Verhalten Geschenke mitgebracht. Wollte man
dies durch ein kleines Theaterstück den Kindern vorführen, so spielte man
natürlich nicht den leibhaftigen Jesus, sondern einen Engel, der im Namen
des Christkindes die Geschenke überreichte. Zugleich erinnerte aber auch
ein Teufel an die verschiedenen Fehlleistungen des kleinen Sünders und
ermahnte ihn, sich künftig zu bessern.
An die Stelle des Teufels
trat sehr bald der volkstümliche Pelznickel, der hinfort das Christkind
verleitete, ein paar Wochen früher, am Nikolaustag zu kommen. Umgekehrt
behauptete das Christkind aber auch seinen angestammten Termin und bewog
den Pelznickel, erst an Weihnachten aufzutreten. So wurde aus dem Nikolaus
der Weihnachtsmann.
Die Sitte, dass der
Nikolaus und der Weihnachtsmann Geschenke bringen und das Christkind
desgleichen, ja dass im Hessischen Christkindchen ein anderes Wort
für 'Weihnachtsgeschenk' ist, hat also ihren Ursprung in jener
pädagogischen Erfindung des 17er-Jahrhunderts, aber keinerlei Anhalt in
der Heiligenlegende oder gar dem Leben Jesu. Es ist daher falsch, wenn man
den Kindern sagt, sie bekämen Geschenke, weil der heilige Nikolaus den
Kindern auch was geschenkt habe, oder in Erinnerung daran, dass Gott uns
seinen Sohn geschenkt habe, oder dass die heiligen drei Könige dem
neugeborenen König der Juden was mitgebracht hätten. Vielmehr sollen die
Geschenke an die fragwürdige Weisheit erinnern, dass Gott die Guten
belohnt und die Bösen bestraft.
Damit ist eigentlich auch
ein Problem gelöst, das für uns Erwachsene eigentlich gar keins ist und
vor allem die Kinder beschäftigt: ob's den Nikolaus wirklich gibt. Können
Erwachsene ihre Kinder guten Gewissens anlügen und ihnen vormachen, der
Nikolaus sei echt, so dass später die große Enttäuschung kommt, wenn sie
feststellen, dass nur ein Erwachsener sich als Nikolaus verkleidet hatte?
Vielleicht hängt sogar die weitere religiöse Entwicklung des Kindes von
diesem Schock ab. Ist es dann nicht in Gefahr, nicht nur den Nikolaus und
Osterhasen als ein Ammenmärchen abzutun, sondern auch den Glauben an Gott?
Wenn wir uns an den ursprünglichen Sinn der Sache erinnern, dass das nur
ein Theaterspiel ist, dann braucht man das Vertrauen der Kinder nicht in
einer so gemeinen Art zu erschüttern.
Die Wahrheit über den
Nikolaus war ein weiter Weg. Das können wir uns zum Schluss auch an der
wechselnden Nikolausmode deutlich machen: der althessische Pelznickel trug
einen Pelz, wie ich es noch als Kind erlebt habe. Er muss furchterregend
genug aussehen und der Darsteller nicht zu erkennen sein. Besondere
Kleidervorschriften galten für ihn nicht. Ich kann mich an einen Knecht
Ruprecht erinnern, der im "blauen Anton" und Maske kam. Der erste
Nikolaus, den ich sah, hatte einen normalen Mantel an und ein Taschentuch
vorm Gesicht.
Auf alten Bildern sieht
man freilich bereits den Weihnachtsmann mit Kapuzenmantel, Stiefeln,
Handschuhen und langem Bart, wobei der Mantel alle möglichen Farben hat
und der Bart nicht unbedingt weiß sein muss. Auf Bildern des
18er-Jahrhunderts trägt er sogar irgendwelche Kopfbedeckungen, nicht
gerade eine Kapuze. Der heutige weißverbrämte rote Kapuzenmantel, wie man
ihn allenthalben sieht, kam erst nach dem letzten Krieg auf und stammt
wahrscheinlich aus Amerika. Sein Vorbild hat er wohl in dem roten
Kapuzenmantel des Nikolaus im "Struwwelpeter".
Der historische Nikolaus
hat als orthodoxer Geistlicher höchstwahrscheinlich einen Bart getragen,
dazu eine weiße Bischofsrobe, allerdings nicht mit der zweizipfligen
Mitra, sondern mit einer runden Mütze. |
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