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Gastbeitrag von Horst Koepernik (2012 verstorben) |
Finalität im NaturgeschehenGastbeitrag im Webmagazin von Heinrich Tischner |
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Wissenschaftliche Arbeitsmethoden beruhen auf der Untersuchung kausaler Zusammenhänge. Nur durch Erforschung der Ursachen für die Erscheinungen, mit denen sich der Forschungsgegenstand darstellt, können Gesetzmäßigkeiten gefunden werden, die sich dann oft in mathematischen Formeln ausdrücken lassen. Die großen technisch-wissenschaftlichen Erfolge der Menschheit sind auf diese Weise erzielt worden. Fragt man jedoch nach den Fortschritten auf ideellem Gebiet, so zeigt es sich, dass man hier mit kausal-analytischen Methoden nicht allzu viel erreicht. Die Hirnforschung hat zwar heraus gefunden, welche Regionen des menschlichen Gehirns bei Glücks- oder Angstgefühlen aktiviert werden, doch was nützt es mir, wenn ich weiß, dass jetzt der Nucleus accumbens oder die Amygdala in meinem Kopf tätig ist? Wichtiger wären doch Hinweise, wie ich mich verhalten muss, um ein Leben in Glück und Zufriedenheit ohne Angst führen zu können. Lebensweisheit wird man kaum mit Methoden erarbeiten, die im Materiellen sehr erfolgreich sind, auf geistigem Gebiet aber nur wenig befriedigen. Anders verhält sich hier eine Betrachtungsweise, die nicht die Ursachen des Geschehens erkundet, sondern ihr Ziel. Diese finalistische Methode ist zwar nicht wissenschaftlich exakt und kann keine beweisbaren Gesetzmäßigkeiten ermitteln, kann aber große Zusammenhänge besser verdeutlichen als kausale Untersuchungen, die in der Vielzahl einzelner Prozesse den Überblick erschweren. So lässt sich in den großen, sehr unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Natur ein Schema entdecken, dass sich von der Entstehung des Weltalls bis in den geistigen Bereich wiederholt und so neben dem kausalen auch einen finalen Zusammenhang im Naturgeschehens verdeutlicht. Auf diese Weise werden nicht nur Probleme der Gegenwart erklärlich, sondern auch ein plausibler Blick in die Zukunft möglich.
Das Entwicklungsschema der Natur
Die Entwicklung der Natur erfolgt in Stufen, die sehr unterschiedlich erscheinen, in der Art ihres Verlaufs aber recht genau überein stimmen. Die Elemente jeder Stufe zeigen zunächst ein chaotisches, zufälliges Verhalten. Nach einer gewissen Zeit entstehen aus den gleichen Elementen Systeme, deren Funktionen erhalten bleiben, während sich ihre Formen entwickeln können. Als wichtigste Grundlage ihrer Entwicklungsstufe wollen wir sie "Basalsysteme" nennen. Ein Kern bildet in ihnen ein steuerndes Zentrum. Durch Bindungs- und Ordnungskräfte, die von diesen Systemen ausgehen, entstehen Strukturen, in denen neue Vorgänge die Grundlage bilden für eine höhere Entwicklungsstufe mit wieder einer chaotischen und einer systematischen Phase. Dieses einfache Schema baut eine Brücke von den Elementarteilchen bis zum Geistigen und zeigt damit eine wunderbare Harmonie und Zielstrebigkeit, die sich wie ein "roter Faden" durch das gesamte Werden der Natur zieht.
1. Stufe: Funktionen der Elementarteilchen
Im jungen, nach heutiger Erkenntnis mit einem "Urknall" entstandenen, sehr heißen Weltall waren die Elementarteilchen als Strahlung in ungeordneter, chaotischer Bewegung. Erst nach einer gewissen Ausdehnung und Abkühlung konnten sie sich zu Atomen vereinen, den ersten Basalsystemen. Hierin bindet ein Kern leichtere Teilchen an sich und bildet so ein System, dessen Bewegungsgesetze erhalten bleiben, wogegen seine Eigenschaften sich unter bestimmten Voraussetzungen entwickeln können. In Sonnen, die sich unter dem Einfluss der Schwerkraft aus Wolken leichter Atome gebildet haben, herrschten so hohe Temperaturen, dass schwerere Atome entstehen konnten. Explosionen solcher Sonnen verstreuten ihre nun aus vielen Atomarten bestehende Materie im Raum, wo sie sich wieder zusammen ballte, neue Sonnen wie die unsrige bildete und Planeten, wie unsere Erde. Die Atomarten unterscheiden sich in ihren Bindungskräften wegen unterschiedlicher Anzahl von Teilchen, die der Kern mit seiner Ladung an sich bindet. Er bestimmt dadurch ihr Verhalten und die Eigenschaften der aus ihnen bestehenden Materie. Diese kann gasförmig, flüssig oder fest sein, wobei Ordnungskräfte in letzterer Form auch Kristalle entstehen lassen. Als neue Funktion in dieser Systemphase der Elementarteilchen wirkt die Fähigkeit der Materie, chemische Verbindungen zu bilden, was die Grundlage für eine neue Entwicklungsstufe darstellt.
2. Stufe: Chemisch-physikalische Prozesse der Materie
Aus den 92 natürlichen Atomarten können sich infolge der Bindungskräfte sehr viele chemische Verbindungen bilden. Diese Reaktionen hatten zunächst nur einen zufälligen, chaotischen Charakter. Als unsere Erde die dazu geeigneten Bedingungen bot, konnte das Leben als ein systematischer Prozess entstehen. Die Zellen, seine kleinsten Bausteine, die wegen auffälliger Ähnlichkeit auch als "Atome des Lebens" bezeichnet werden, sind das zweite Basalsystem. Obwohl in ihnen auch nur natürliche Elemente miteinander wechselwirken, haben diese Vorgänge die Eigenschaft der Erhaltung. Durch Aufnahme von Nährstoffen und Energie aus der Umgebung bilden sie einen kontinuierlichen Kreislauf. Die Zelle kann sich durch Anpassung an Umwelteinflüsse entwickeln und durch Teilung fortpflanzen. Biologische Bindungs- und Ordnungskräfte führen zum Zusammenschluss von Zellen zu Organismen und so zu der unübersehbaren heutigen Tier- und Pflanzenwelt. Das im Zellkern enthaltene Erbmaterial stellt dabei den Bauplan dar, nach dem sich Zellen vermehren, differenzieren und aneinander anlagern zu den wunderbaren Formen des Lebens. Eine neue, in toter Materie auf natürliche Weise nicht vorhandene Funktion ist dabei die Information als eine immaterielle Daseinsform und Grundlage einer neuen Entwicklungsstufe.
3. Stufe: Informationsverarbeitung im lebenden Organismus, Intelligenz
Bereits in einzelligen Lebewesen wirkt Information in zweifacher Form. Einmal bildet sie statisch das Erbgut, das in den Kernschleifen abgelegt, bei Teilung kopiert und damit an die Nachkommen weiter gegeben wird. Andererseits dient sie als dynamische Information zum Erkennen und Aufnehmen von Nahrung. In den höher entwickelten Lebewesen steigt vornehmlich der dynamische Anteil, indem Nerven die Übertragung und Gehirne die Verarbeitung der von den Sinnesorganen aufgenommenen Informationen übernehmen. Es entwickelt sich eine tierische Intelligenz, die wir besonders bei unseren Haustieren immer wieder bewundern können. Trotzdem haben die tierischen Denkvorgänge keinen systematischen Charakter, denn sie werden durch zufällige Sinneseindrücke ausgelöst, führen nach Verarbeitung im Gehirn zu einer angepassten Aktion und sind damit beendet. Tierische Reaktionen sind deshalb meistens sehr schnell, weil in ihrem Gehirn keine Bearbeitung im Sinne einer Überlegung erfolgt, sondern nur ein Vergleich mit abgespeicherten Mustern. Im Gegensatz zu den zufälligen, sporadischen Denkprozessen der Tiere sind im menschlichen Gehirn systematische Vorgänge möglich, deren Grundeigenschaften denen von Atom und Zelle ähneln. Unser Gehirn kann nicht nur objektive Vorgänge nachvollziehen, sondern auch die subjektive Reaktion darauf, ohne eine spontane Handlung zu veranlassen. Dadurch ist ein langdauerndes Wechselspiel der Denkrichtungen im Sinne einer Optimierung möglich. Das "Ich" steuert diesen Vorgang und veranlasst schließlich eine "durchdachte" Aktion. Mit systematischer Überlegung können so auch schwierige Probleme gelöst werden, die durch Probieren nicht oder nur in vielfacher Zeit zu bewältigen wären. Die Systemeigenschaften "Erhaltung" und "Entwicklung" zeigen sich im Geist dadurch, dass die Fähigkeit, Denkvorgänge wechselnder Richtung ausführen zu können, erhalten bleibt und sich das dadurch und durch Kommunikation erworbene Wissen weiter entwickelt. Geistige Bindungs- und Ordnungskräfte wirken als Wille zur Annäherung oder Abkehr gegenüber anderen Personen, sowie zum Belehren und Lernen. Das "Ich" als ein "virtueller Kern" des Geistes steuert alle diese Vorgänge und bestimmt so den bewussten Teil des Charakters. Wegen all dieser Eigenschaften, welche die nahe Verwandtschaft zu Atom und Zelle zeigen, können wir unseren Geist als das dritte Basalsystem im Entwicklungsprozess der Natur betrachten.
Die Doppelnatur des Menschen
Der Analogieschluss auf einen Systemcharakter seines Geistes erklärt zwanglos die Sonderstellung des Menschen auf unserem Planeten. So groß wie der Unterschied zwischen Strahlung und Materie, zwischen totem Mineral und einem Lebewesen ist auch der zwischen tierischer Intelligenz und menschlichem Geist. Obwohl alle drei Übergänge nichts wirklich Neues voraussetzen, führen sie doch zu einer völlig anderen Qualität. So ist die schnelle Entwicklung des Geistes trotz kaum veränderter Hirnstruktur erklärlich. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass seine Entstehung nicht nur zu glanzvollen Erfolgen, sondern auch zu ernsten zwischenmenschlichen Problemen führte, wie sie innerhalb einer Art des Tierreiches kaum vorkommen. Auch hierfür bietet die Annahme eines geistigen Systems eine plausible Erklärung. Bei den Tieren liefert der Instinkt die entscheidenden Impulse dafür, was in einer gegebenen Situation zu tun ist. Je nach Entwicklungsstand kann dann die Intelligenz einen mehr oder weniger großen Einfluss darauf haben, wie diese Handlung bestens auszuführen ist. Diese strenge Aufgabenteilung zwischen den beiden mentalen Bereichen garantiert, dass alle lebenswichtigen Verhaltensmuster wie Ernährung, Fortpflanzung, Brutpflege usw. nach einem im Genom fest verankerten Muster ablaufen. Die Intelligenz hat dabei nur einen unterordneten, an Umweltbedingungen anpassenden Einfluss. Durch sein Selbstbewusstsein ist es dem Menschen jedoch möglich, instinktive Regungen zu ignorieren und seine Handlungen verstandesmäßig zu motivieren. Er benutzt seinen Geist deshalb bevorzugt dazu, sich für ihn selbst nützlich erscheinende Taten zu überlegen. Hierbei unterliegen viele Leute einem schwerwiegenden Irrtum: Weil die Erringung von etwas Ersehntem ein spontanes Glücksgefühl erzeugt, wird dies als das einzig mögliche Glück gehalten, was ja der Mensch mit allen seinen Handlungen erstrebt. Weil diese Art von Glück schnell vergänglich ist, entsteht eine gewisse Sucht, sich durch immer weitere Errungenschaften wieder derartige Glücksgefühle zu verschaffen. Somit ist die Entstehung des Geistes und die damit verbundene Wahlfreiheit der Handlungsimpulse die Ursache für Egoismus und die darauf beruhenden Schwierigkeiten zwischen Menschen und Völkern. Weil ein ungehemmter Egoismus längst zum Aussterben der Menschheit geführt hätte, erhebt sich die Frage, mit welchen Mitteln die Natur dem entgegen wirkt. Es ist die instinktive, unterbewusste Stimme des Gefühls in uns, die uns zu vernünftigem, gemeinnützigem Handeln bewegen will. Ihre Missachtung führt zwangsläufig zu Unzufriedenheit und in schweren Fällen zur Gewissensnot. Das oberste Ziel, das der Mensch mit allen seinen Aktivitäten anstrebt, ist doch aber die Zufriedenheit. Dieses Ziel trotz aller Bemühungen nicht erreichen zu können, ist die Strafe der Natur für die Rebellion des Geistes gegen ihr Gesetz. Dieses Gesetz lautet, das Was des Tuns von einem moralischen Gefühl und nur das Wie vom unterstützenden Verstand bestimmen zu lassen. Weil das ein seit Jahrmillionen im Tierreich wirksames und daher auch im menschlichen Genom verankertes Naturgesetz ist, gibt es kein Mittel, ihm zu entgehen. Einsicht in diesen einfachen Zusammenhang und entsprechende Handlungen sind die einzige Methode, innere Harmonie und dauerhafte Zufriedenheit zu erlangen. Mittels geistiger Kräfte kann in Personengruppen ein Gemeinschaftssinn erzeugt werden, der großen Einfluss auf das Verhalten der Mitglieder ausübt. Er unterscheidet sich vom Geist eines einzelnen Menschen so, wie Materie vom Atom oder ein Organismus von einer einzelnen Zelle. Immer wird die Gemeinschaft durch ein alle verbindendes geistiges Band zu ungleich höheren Leistungen fähig sein, als der Einzelne. Dieser Einfluss kann positiv wirken, wenn die Gruppe menschenfreundliche Ziele anstrebt, kann aber auch durchaus negativ sein, wenn er kriminell wirkt. Der Gemeinschaftsgeist als eine geistige Struktur, die sich in menschlichen Gemeinschaften ausbildet, zeigt also Bestrebungen, die in eine bestimmte Richtung weisen und damit eine neue Funktion darstellen.
4. Stufe: Bestrebungen der menschlichen Gemeinschaften
Der große Einfluss, den der Geist einer Gemeinschaft und seine Bestrebungen auf ihre Mitglieder ausübt, ist gut bekannt. Als "Teamgeist" kann er hervorragende Leistungen ermöglichen, die das Vermögen Einzelner weit übersteigen. Verantwortlich sind dafür fast immer führende Köpfe, die mit ihrer geistigen Ausstrahlung die Gemeinschaft beflügeln. Leider zeigen sich nicht alle Personen mit Führungsqualitäten ihrer großen Verantwortung bewusst. So gelingt es Anführern terroristischer Vereinigungen, Mitglieder dazu zu bringen, als Selbstmord-Attentäter Unschuldige mit in den Tod zu reißen. Deutlicher lässt sich wohl kaum zeigen, in wie unterschiedlicher Weise die mächtige Kraft gemeinschaftlichen Strebens zurzeit noch wirkt. Daran wird deutlich, dass die recht junge Menschheit sich noch in der chaotischen Phase dieser Entwicklungsstufe befindet. Entsprechend dem Verlauf der vorherigen Stufen ist jedoch zu erwarten, dass nach einer gewissen Zeit auch in dieser letzten Stufe ein Übergang zum System erfolgen wird. Wie aus chaotischer Strahlung Materie, das Baumaterial unserer Welt entstand, aus der Chemie toter Massen das Leben in seiner zauberhaften Artenvielfalt erblühte, sporadische Denkprozesse der Tiere zum schöpferischen Geist des Menschen führte, wird auch das derzeitige Durcheinander in den Bestrebungen menschlicher Vereinigungen einst ein stabiles viertes Basalsystem mit ungeahnten Perspektiven bilden. Dieses System wird in einer einheitlichen und dauerhaften geistigen Strömung um ein starkes "Wir" das egoistische Gezänk der Jetztzeit hinwegkehren und die Völker der Erde vereinen im Bestreben um optimale Lebensbedingungen für alle. |
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Datum: 2011 Aktuell: |
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